Ho Chi Minh City, 7. Februar 2026 – Beim diesjährigen Scaling Business Summit, ausgerichtet von Gradion, hielt Paul Meyers – Asia-Founder-Coach und Unternehmer mit 35 Jahren Asien-Erfahrung – einen Vortrag, der eine zentrale These verfolgte: Wer ASEAN noch immer als „Emerging Market" oder reinen Kostenstandort betrachtet, hat den Anschluss verloren.
Die Welt hat sich verändert – und ASEAN noch mehr
Meyers eröffnete seinen Vortrag mit einem Vergleich: Ho Chi Minh City 1991 versus heute. Zwei Bilder, dreißig Jahre, eine unglaubliche Transformation. Dieselbe Energie, die diese Stadt verwandelt hat, verändert gerade die gesamte Region – und damit die Spielregeln für Unternehmen aus Europa und aller Welt.
„Die Gewinner hier bewegen sich nicht schneller – sie bewegen sich klüger", sagte Meyers. Eine Aussage, die den Kern seines Vortrags zusammenfasst.
ASEAN in Zahlen: Kein monolithischer Block
Bevor er auf die Chancen einging, legte Meyers die Grundlagen:
Was die Zahlen nicht zeigen: ASEAN ist kein einheitlicher Markt. Meyers machte das an einem einfachen Beispiel deutlich. Als Grab – die Southeast-Asian-Superapp – in Indonesien startete, musste das Unternehmen seine gesamte App, den Kundenservice und das Marketing von einem Teil Javas auf den anderen anpassen. Nicht von Land zu Land – innerhalb derselben Insel, 600 Kilometer voneinander entfernt.
Die vier Wachstumsvektoren: Wo Chancen entstehen
Meyers strukturierte die Opportunitäten der Region um vier Vektoren – kein Sektor-Denken, sondern ein Rahmen für strategisches Engagement:

Vektor 1: Die urbane Mittelklasse
Die schnell wachsende Mittelklasse verändert nicht nur, wie viel Menschen ausgeben – sondern vor allem, was sie nicht mehr hinnehmen. Schlechte Gesundheitsversorgung, informelle Bildung, unsicherer Transport: Mit steigendem Einkommen sinkt die Toleranz. Das treibt private Krankenhäuser, After-School-Programme, Ride-Hailing-Plattformen und Consumer-SaaS. „Sie werfen einen Stock auf der Straße und treffen eine Schule", sagte Meyers über Vietnam. Bildung ist überall.
Vektor 2: Fertigungstransformation
Die Frage ist nicht mehr: „Wie produzieren wir billiger?" Sie lautet: „Wer baut die besten Schuhe der Welt? Wer fertigt die besten Chips?" Meyers besuchte kurz vor dem Summit das Unternehmen Digitex – ein BPO-Anbieter mit 25 Jahren Geschichte. Früher hörte man im Büro Tausende tippende Hände. Heute nicht mehr. Alle Dateneingabeprozesse sind automatisiert; das Team von 1.400 Mitarbeitenden kümmert sich um hochspezialisierte Backoffice-Dienstleistungen für Banken und Versicherungen. Das ist die ASEAN-Fertigung von heute.
Der EV-Sektor illustriert das besonders drastisch: In Phnom Penh sind bereits 50 % der Fahrzeuge Elektroautos. In Vietnam dominiert VinFast das Straßenbild. Der traditionelle Zulieferer eines deutschen Automobilherstellers, den Meyers erwähnte, arbeitet inzwischen nur noch drei Tage pro Woche – weil Europa auf Elektro umschwenkt und die Nachfrage für Verbrennerteile einbricht.
Vektor 3: Digital Leapfrogging
„Die Frau, die um drei Uhr morgens auf der Straße in Thailand Nudeln verkauft – die hat einen QR-Code. Kein Cash." Meyers beschrieb, wie ASEAN-Märkte Entwicklungsstufen übersprungen haben, die westliche Länder durchlaufen mussten. Kein veraltetes IT-Erbe, das modernisiert werden muss – stattdessen direkter Sprung in Cloud-native Tools. 8 von 10 ASEAN-Ländern haben grenzübergreifende QR-Code-Interoperabilität. Das ist kein Trend. Das ist die Infrastruktur.
Vektor 4: Regionale Komplexität als Burggraben
Der vierte Vektor ist keine Chance im direkten Sinne – er ist das Sieb. Wer die regulatorische, sprachliche und kulturelle Vielschichtigkeit ASEANS meistert, schafft eine Defensivposition, die Wettbewerber kaum nachbilden können. Meyers erzählte von seinem persönlichen 15-monatigen Genehmigungsmarathon in Thailand – für Headset-Batterien, die als Gefahrstoff klassifiziert waren. „Ich lehre Unternehmen, wie man das macht – und ich habe diesen Fehler selbst gemacht."
Vier Länder im Fokus
Meyers gab einen praxisnahen Überblick über die vier aus seiner Sicht wichtigsten Märkte für Unternehmen mit Expansionsinteresse:

Singapur nimmt eine Sonderrolle ein: Es ist kein echter Markt für die meisten Unternehmen – dafür ist es zu klein und zu teuer. Es ist ein Eintrittsportal. In 90 Minuten und für 3.000 SGD ist eine Private Limited Company gegründet. Investoren vertrauen dem Rechts- und Bankensystem. Von dort aus erschließt man die Region. „Wer in Singapur präsent ist, hat noch nichts gewonnen – aber wer ohne Singapur regional operieren will, macht es sich unnötig schwer."
Ein wichtiges Update für Vietnam: Bis vor zehn Tagen war es ausländischen Investoren nicht möglich, Gewinne aus Vietnam zu repatriieren. Mit der neuen International Financial Center (IFC)-Zone in Ho Chi Minh City ändert sich das – ein potentieller Gamechanger für internationale Investitionen in den vietnamesischen Startupmarkt.
Die Workforce: Nicht billiger, sondern adaptiver
Ein zentrales Missverständnis, das Meyers korrigierte: „Sie stellen hier nicht mehr günstigere Mitarbeiter ein. Sie stellen anpassungsfähigere Teams ein." Die junge, technisch versierte Workforce in ASEAN ist comfortable mit Automatisierung, KI und Remote-Arbeit. Hybride Mensch-KI-Teams sind keine Zukunftsvision – sie sind Gegenwart. Das Gradion-Beispiel mit Büros in Vietnam (drei Standorte), Thailand und Ägypten ist exemplarisch für das neue Modell der verteilten Wissenswirtschaft.
Was Meyers Unternehmen rät: Die fünf Prinzipien
Meyers schloss seinen Vortrag mit konkreten Handlungsempfehlungen – die er, typisch für seinen Stil, ohne Umschweife formulierte:
1. Finden Sie gute Partner. Die Komplexität der Region ist lernbar – aber nicht alleine.
2. Gehen Sie langsam vor. Die Geschwindigkeit westlicher Märkte funktioniert hier oft nicht. Für Batterien in Headsets braucht man in Thailand 15 Monate Genehmigungszeit. Einplanen.
3. Haben Sie Geduld. „Als ich in Manila eine Firma gründete, musste ich jedes Dokument achtfach einreichen. Mit Kohlepapier." Die Deutschen im Publikum nickten verständnisvoll.
4. Hören Sie mehr als Sie reden. Das ist seine Nummer-eins-Regel für jede internationale Expansion: Zuhören, fragen, schweigen.
5. Lernen Sie aus Fehlern. Und bauen Sie den Puffer für diese Fehler in Budget und Zeitplan ein – von Anfang an.
Fazit: ASEAN ist kein Kostenargument mehr
Was Paul Meyers in Ho Chi Minh City deutlich machte, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: ASEAN ist von einem Lieferanten zu einem Markt geworden. Wer das noch nicht verstanden hat, wird zunehmend von jenen überholt, die es längst wissen.
Die Region wächst schneller als Europa, hat eine jüngere Bevölkerung, adoptiert digitale Infrastruktur mit einer Geschwindigkeit, die westliche Märkte strukturell nicht erreichen können – und bietet denjenigen, die Komplexität als Werkzeug statt als Hindernis begreifen, einen echten Wettbewerbsvorteil.
Der nächste Gradion Summit wird zeigen, wie weit die Entwicklung bis dahin fortgeschritten ist. Meyers ist sicher: „Es wird sich noch mehr verändert haben, als wir erwarten."
Paul Meyers ist Gründer von Asia Founder Coaching und berät Startups und Unternehmen bei der Expansion in asiatische Märkte. Der Vortrag fand am 7. Februar 2026 im Rahmen des Gradion Scaling Business Summit 2026 in Ho Chi Minh City statt.
