
München, 15. Januar 2025, DLD Conference. Zwischen Kaffee, Keynotes und dem typischen DLD-Buzz fällt heute ein Satz, der hängen bleibt: Wachstum entsteht nicht, indem wir eine Rezession „langsamer machen“ – sondern indem wir neue Ideen, neue Märkte und neue Investitionen möglich machen.
Dr. Fabian Mehring, Bayerischer Staatsminister für Digitales, hat in seinem Talk „From Bavaria to the World – Unlocking the Potential of AI and Emerging Tech in Europe“ drei Punkte gesetzt, die man nicht als politische Programmatik abtun sollte.
Das ist eine Standortdiagnose – und ein Arbeitsauftrag an uns alle: Politik, Industrie, Kapital, Tech-Ökosystem. Hier sind die drei Gedanken, die ich aus dem Vortrag mitnehme – und was sie für uns konkret bedeuten:
GEDANKE 1: Mehr Venture Capital und Growth Capital – sonst bleibt „Innovation“ ein Wort
Mehring sagt es unmissverständlich: Wenn wir aus der wirtschaftlichen Krise rauswollen, reicht Krisenverwaltung nicht. Wachstum kommt nicht aus dem Bremsen – Wachstum kommt aus dem Investieren.
Das ist der Kern:
- Neue Märkte entstehen nur, wenn Kapital bereit ist, Risiko zu tragen.
- Und das kann nicht allein der Staat leisten.
- Gefordert sind Family Offices, Industrie, institutionelles Kapital – und ja, auch die öffentliche Hand muss ihren Teil beitragen.
Was ich daran wichtig finde: Das ist keine „Startup-Romantik“. Es ist Wettbewerbsfähigkeit. AI, Robotics, Quantum, BioTech, DefenseTech, Industrial Tech – das sind Felder, in denen Gewinner nicht nur bessere Ideen haben, sondern bessere Finanzierungspfade.
Mein Take (no News): Europa diskutiert oft zu lange über „Förderung“. Entscheidend ist aber Skalierung. Wir brauchen mehr Runden, die nicht bei Seed enden, sondern europäische Champions bauen.
GEDANKE 2: Weniger Regeln – und vor allem modernere Regeln: Europa stellt Stoppschilder auf, bevor das Auto fährt
Mehring nutzt ein starkes Bild aus der Automobilgeschichte: Erst wurde das Auto erfunden – und Jahrzehnte später kamen Tempolimits, Stoppschilder und ein Regelwerk, das mit dem gewachsenen Verkehr Schritt hielt.
Seine Kritik: Bei digitaler Zukunftstechnologie machen wir es in Europa oft umgekehrt. Wir regulieren, bevor wir überhaupt in die Breite innovieren. Und wundern uns dann, warum „das Auto der Zukunft“ nicht von hier kommt.
Wichtig: Es geht nicht um „Regeln abschaffen“. Es geht um Regeln, die Innovation ermöglichen, statt sie präventiv auszubremsen. Weniger Bürokratie-Reflex, mehr lernende Regulierung: iterativ, risikobasiert, technologieoffen.
Mein Take: Wer AI will, muss Geschwindigkeit aushalten. Gute Governance ist entscheidend – aber sie muss mit der Realität laufen, nicht gegen sie.
GEDANKE 3: Digitale Souveränität auf europäischer Ebene – Abhängigkeit ist nicht neutral
Der dritte Punkt ist politisch, aber vor allem strategisch: Mehring spricht von „digital sovereignty“ – nicht als Autarkie, sondern als Unabhängigkeit.
Er zieht eine klare Lehre aus Europas Energieabhängigkeit: Wir dürfen uns bei Schlüsseltechnologien nicht in eine Situation manövrieren, in der Entscheidungen faktisch außerhalb demokratisch kontrollierter Strukturen fallen.
Die Botschaft dahinter ist klar:
- Digitale Infrastruktur ist geopolitische Infrastruktur.
- Wer Rechenleistung, Cloud, Datenräume, Basismodelle und Sicherheitsarchitekturen nicht mitgestaltet, wird gestaltet.
Mein Take: Souveränität heißt: eigene Optionen haben. Eigene Standards mitprägen. Eigene Wertschöpfung aufbauen. Nicht „gegen“ den Rest der Welt – sondern auf Augenhöhe.
Der eigentliche Punkt: Wir brauchen wieder einen „Economic Miracle Spirit“
Am stärksten wurde Mehring am Ende. Sein „Call to action“ ist kein Policy-Paper, sondern ein Mentalitätswechsel: raus aus dem europäischen Pessimismus, rein in eine Zukunftszuversicht mit Mut zum Machen.
Er beschreibt ziemlich treffend das, was viele gerade fühlen: Pandemie, Krieg, Energiekrise – das hat sich als Grundrauschen in Entscheidungen gefressen. Vorsicht dominiert. Firefighting ersetzt Fokus. Und das wird dann fälschlich als „Realismus“ verkauft.
Aber die Aussage ist unbequem und richtig: Die Zukunft wird nicht gut oder schlecht „passieren“. Sie wird so, wie wir sie designen.
Und dann kommt der historische Vergleich: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Bedingungen deutlich härter – und trotzdem gab es Menschen, die nach vorne gebaut haben. Genau diese Energie – dieser „Spirit“ – sei jetzt wieder nötig. Mehring setzt sogar ein konkretes Zielbild: ein „AI Miracle“ 2026.
Mein Take: Technologie ist selten das Problem. Umsetzung ist das Problem. Und Umsetzung beginnt mit Haltung.
Was heißt das für uns – ganz konkret?
Wenn ich diese drei Punkte in operative Schritte übersetze, dann so:- Kapital mobilisieren – mit klaren Skalierungswegen
- Nicht nur „mehr Geld“, sondern bessere Strukturen: Later-Stage-Finanzierung, Beteiligungsmodelle für Industrie, weniger Reibung bei Deals, mehr Mut zu großen Tickets.
- Regulierung als Enablement bauen
- Schneller testen, schneller lernen, schneller anpassen. Sandbox-Ansätze, risikobasierte Regeln, weniger Dokumentations-Overkill.
- Souveränität über Kernschichten definieren
- Compute, Cloud, Daten, Security, Identitäten, Standards. Nicht alles selbst – aber genug, um nicht erpressbar zu sein.
- Kultur des Machens systematisch stärken
Das klingt weich, ist aber hart: Incentives, Führung, Kommunikation, Fehlerkultur, Prioritäten. „Mut“ ist keine Plakat-Parole – Mut ist ein Prozess.

Europa kann – wenn es will
DLD ist immer auch ein Spiegel: Wir haben Talent, Forschung, Industrie, Hidden Champions, Universitäten, Mittelstand, Gründergeist. Was uns oft fehlt, ist das Zusammenspiel aus Kapital, Tempo und Selbstverständnis.
Mehrings Rede war dafür ein guter Reminder: Es geht nicht darum, ob AI kommt. Sie ist da. Die Frage ist, ob Europa Gestalter ist – oder Zuschauer mit Kommentarfunktion.
Und wenn 2026 wirklich ein „AI Miracle“-Jahr werden soll, dann beginnt es nicht mit noch einem Strategiepapier. Sondern mit drei simplen Entscheidungen: investieren, ermöglichen, unabhängig bleiben – und wieder Zukunft wollen.
Wir sehen uns in den Hallways. Und vor allem: an der Umsetzung.
Live von der DLD in München: Europas AI-Moment beginnt nicht mit Technologie – sondern mit Haltung", Autor: Frank S. Miller, CEO straight. GmbH, 15. Januar 2026
